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Text von Dienstag, 22. Oktober 2002


Kindheit: Mit Schaukelpferd und Schnürkorsett

Marburg * (FJH)
Eine Reise in die Kindheit um 1800 können Interessierte ab Donnerstag (24. Oktober) im marburger Haus der Romantik unternehmen. Bis zum 12. Januar 2003 präsentieren Studierende des Fachbereichs "Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaften" der Philipps-Universität dort die Ausstellung "Schaukelpferd und Schnürkorsett - Kindheit um 1800". Gemeinsam mit ihrer Dozentin PD Dr. Marita Metz-Becker stellten die Studentinnen ihre Aktivitäten am Dienstag (22. Oktober) der Presse vor.

[Haus der Romantik]

Zusammengestellt haben die Präsentation 33 Studierende des Fachbereichs "Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaften" der Philipps-Universität. Die Studentin Linda Steffelhorst hob vor allem den Praxisbezug des zweisemestrigen Seminars hervor: Die Studentinnen hätten nicht nur Quellen ausgewertet, darüber diskutiert und die Ergebnisse niedergeschrieben; sie überlegten anschließend auch, wie die einzelnen Punkte bildlich dargestelt werden können. "Vor allem von armen Kindern git es kaum überlieferte Gegenstände. Allein die Puppen der Reichen wurden von den armen Kindern hergestellt. Spielen durften sie damit aber nicht."
Zusammengestellt haben die Präsentation 33 Studentinnen eines Seminars unter Leitung der Marburger Kulturhistorikerin. Die Ausstellungsstücke haben sie sich bei der Novalis-Forschungsstätte in Oberwiederstedt, beim Deutschen Puppenmuseum in Hanau, beim Deutschen Kindheitsmuseum in Marburg und bei zahlreichen Privatpersonen ausgeliehen. Einen Etat hatten sie allein für die Versicherung der Exponate; alle anderen Aufwendungen haben die Studentinnen und ihre Dozentin aus eigener Tasche bezahlt. Hinzu kommen unzählige Stunden unbezahlter Arbeit bei der Zusammenstellung der Ausstellung und des Katalogs, beim Aufbau und der Vorbereitung des Begleitprogramms.
Jeden Dienstag bieten die Studentinnen ab 15 Uhr eine Führung durch die Ausstellung an. Im Eingangsbereich des Hauses der Romantik ist derweil eine Spiel-Ecke für die Kleinen eingerichtet. Sie dürfen auch alte Brettspiele und Bauklötze anfassen und sogar im Schaukelpferd sitzen.
Die Kindheit der Dichterin Bettina von Brentano erweckt die Schauspielerin Uta Eisold vom Hessischen Landesmuseum am Diensstag (12. November) um 15 Uhr zum Leben, wenn sie aus den Kindheiserinnerungen der Romantik-Autorin liest. Am 5. Dezember gibt es dann im Rathaussaal einen Diavortrag über Gubernanten.
Was die Studentinnen am meisten frappiert hat, war die Situation der Kinder vor 1800: "Es gab praktisch keine Kindheit. Kinder wurden wie Erwachsene behandelt." Kinder besaßen damals keine kindgerechte Kleidung; sie mussten verkleinerte Kopien der Erwachsenenkleidung tragen. Schon die kleinen Mädchen wurden in enge Korsetts eingeschnürt. Kinder aus ärmeren Verhältnissen mussten schon mit acht Jahren hart arbeiten.
So zeigt ein Sack Kohle den Ausstellungsbesuchern auf handgreifliche Weise, welche Gewichte Kinder damals heben mussten, wenn sie beispielsweise im Bergwertk gearbeitet haben.
Die schönen Seiten der Kindheit nach 1800 veranschaulicht dagegen ein Zimmer, das für einen Kindergeburtstag hergerichtet ist. Porzellanteller mit Goldrand und gestreifte Überzüge über den Stühlen belegen den Wohlstand der Eltern des Geburtstagskinds.
In der Adventszeit wollen die Studierenden dieses Kinderzimmer weihnachtlich herrichten, wie es vor mehr als 100 Jahren Brauch war. Kinder und Jugendliche, die in der frühen Adventszeit das Haus der Romantik am Markt besuchen, dürfen dabei mithelfen.


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