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Text von Montag, 5. Januar 2004

> k u l t u r<
  
 Vielfältig: Komische Dramatik in der Waggonhalle 
 Marburg * (atn)
Gleich vier Uraufführungen präsentierte das "Theater GegenStand" am Freitag (3. Dezember) in der Waggonhalle. Sie stammen allesamt von bisher unbekannten Autoren. Bis auf die äußere Gestalt des Dramas haben sie auch nicht viel gemeinsam.
Das Theater GegenStand hatte im Januar 2004 zum ersten Marburger Kurzdramenwettbewerb aufgerufen. Die Richtlinien setzten den Autoren enge Grenzen. Das Stück sollte nicht länger als 30 Minuten dauern, es sollte höchstens vier Darsteller und möglichst wenig Bühnenbild und Requisite beinhalten.
Eine sechsköpfige Jury entschied sich für vier Dramen. Mit nur 50 Euro ausgestattet, machten sich Regisseure und Darsteller an die Umsetzung. Entstanden sind vier kontrastreiche Inszenierungen, die viel von der Kreativität der Schaffenden zeigen.
Der "Freischwimmer" eröffnete - thronend auf seinem "Hochsitz" - den Abend. Seep Jakobs aus Trier erschuf in diesem Stück einen Schwimmmeister und einen Kioskverkäufer, die einen lieben langen Tag lang auf einen Badegast warten. Der Kioskverkäufer, das sprühende plappernde Leben, vertreibt sich mit Knackern, Bier und Kommentaren zu allem und jedem die Zeit. Der Bade-, pardon, der Schwimmmeister genießt die Aussicht auf das saubere, glatt daliegende Wasser. Er träumt, die geliebte leicht chlorige Brise um die stets hoch erhobene Nase, von einem Bad, wie es die Etrusker einst hatten. Bitter ernst nimmt er seine Pflicht als Lebensretter, auch wenn er die Masse unter seiner Obhut verabscheut für ihre stinkende Kulturlosigkeit. Der Kioskverkäufer lässt sich von der mächtigen Aura seines Kollegen jedoch nicht im geringsten beeindrucken. Er bringt ihn mit seinem - für den Schwimmeister unerträglichen - Geschwätz bisweilen aus der Fassung.
Der einzige Badegast ist schließlich ein hart trainierender Junge, der von seinem Vater erbarmungslos zu olympischen Bestleistungen angespornt wird. Vollkommen erschöpft ist er auf einmal verschwunden. Aber "ertrunken ist er nicht!"", hält der Schwimmeister fest, der noch nie in seiner Karriere auch nur einen nassen Zeh bekommen hat.
Die Figur des Kioskverkäufers hatte die Lacher auf ihrer Seite. Der Schwimmeister sorgte mit seiner Weltabgewandtheit für das Dramatische.
Dieses erste der vier Dramen hatte die greifbarste Handlung und keinen Einsatz scheuende Darsteller.
Weitaus abstrakter wurde es mit "Der Puppu und das Juij". Rainer Zuch aus Frankfurt hatte anfangs gar nicht daran gedacht, dieses chaotische Stück auf die Bühne zu bringen. Es entstand Stück für Stück und unregelmäßig. Sehenswert ist es dennoch, obwohl sich die Aussage nur schwer erahnen lässt. Ein harmloses, scheinbar gelehrtes Individuum werkelt vor sich hin und sieht sich auf einmal mit unheimlichen, geisterhaften Wesen konfrontiert. Man weiss nicht recht, was sie von ihm wollen, sie machen ihm Angst, offenbaren sich ihm nicht, sind aber scheinbar angetan davon, dass es ein "ich" ist.
Das Geisterhafte ist sehr gut in Szene gesetzt. Lange weiße Tücher verbergen die Gestalten, Masken die Gesichter. Eigentümliche Laute geben sie von sich, lockend und schaurig. Wegen der seltenen und meist leeren Dialoge ist dieses Drama eher ein Klang- und Seherlebnis. Auch ohne direkt erkennbaren Sinn schafft es eine Atmosphäre, bei der man sich in einer fremden Welt wähnt.
Nach einer viertelstündigen Pause hatten noch der "Kopist des Zaren" und drei verhängnisvoll miteinander verbundene Menschen in "Dreisam" ihren Auftritt.
"Der Kopist des Zaren" ist, kaum gesehen, schon vorbei. Michael Kühne aus Bonn schuf eine "groteske Collage" aus fremden und eigenen Texten. Er ersann einen Kopisten, der von eigenem Schaffen träumt, jedoch so sehr Kopist ist, dass alles Eigene bereits verschwunden ist. Die ihn umgebenden Personen sind wie Requisiten aus einem anderen Stück und können den Umhergetriebenen nicht aus seinem Elend befreien. Sein Versuch, sich am Fensterkreuz zu erhängen, wird von ihnen nicht gestoppt. Als der Verzweifelte dabei aus dem Fenster fällt, bleibt ihnen nichts anderes, als der Rat: "Falls fallend du vom Dach verschwandst, so brems', bevor du unten land'st.
"Dreisam" schließlich stammt von Maren Behrensen. Mit 24 Jahren ist sie die jüngste der vier Autoren. Das Stück handelt in ziemlich obszöner Weise von der Liebe. Oder von der Nicht-Liebe. Denn was Liebe ist, und ob es das ist, was die Zuschauer in den 30 Minuten "Dreisam" zu sehen bekamen, das bleibt die Frage.
Sehr engagierte Darsteller sorgten für einen belustigenden und abwechslungsreichen Abend. Alle vier Stücke boten sowohl Anlass zum Lachen, als auch zum Nachdenken und Kritisieren. Ein lebhaftes Publikum erlebte diesen Abend, dem Applaus nach zu urteilen, als sehr positiv. Wenngleich man das Gefühl hatte, als würde es sich bei "Dreisam" bisweilen gern in die hintersten Ecken des Saals verkriechen.
Auf den zweiten Wettbewerb im nächsten Jahr darf man also durchaus gespannt sein.
 
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