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Text von Freitag, 28. Mai 2004

> b i l d u n g<
  
 Benjamins Warnung: Fortschritt ist Katastrophe 
 Marburg * (vic)
Sein Buch "Reisender mit schwerem Gepäck - die Lebensgeschichte des Walter Benjamin" stellte Der Schriftsteller Frederik Hetmann am Donnerstag (27. Mai) im gut gefüllten Kulturladen KFZ vor. Dort war er auf Einladung des Vereins "Strömungen" in Kooperation mit der Buchhandlung "Roter Stern" und dem Marburger Literaturforum zu gast.
Hinter dem Pseudonym Frederik Hetmann verbirgt sich der Kinder- und Jugendbuchautor Hans Christian Kirsch . Neben Märchen hat der Schriftsteller auch Biographien von Rosa Luxemburg und Ernesto "che" Guevara herausgegeben. Nun folgt eine Biographie über Leben und Wirken des links-intellektuellen jüdischen Philosophen Walter Benjamin.
Der Kaufmannssohn wurde 1892 in Berlin geboren und wuchs in einer großbürgerlichen jüdischen Familie auf. Seine Erinnerungen darüber hat er im Buch "Berliner Kindheit" festgehalten.
Benjamin studierte in Berlin Philosophie und promovierte in Bern. Hetmann bezeichnet ihn als "Pechvogel": Die Einreichung seiner Dissertation scheiterte, und Benjamin habe sich häufig unglücklich verliebt. Sein Geld habe er in Drogen, Alkohol und Kasinos investiert oder in seine größten Hobbys, nämlich das Reisen und das Sammeln von Büchern.
Auch nach der Machtergreifung durch die Nazionalsozialisten blieb Benjamin zunächst in Berlin. Schließlich emigrierte er aber dann doch nach Paris.
Dort lebte er, bis die Deutsche Wehrmacht kurz vor Paris stand.
Über die Pyrenäen versuchte er daraufhin, weiter nach Spanien zu fliehen. Doch die spanischen Behörden wollten ihn nach Deutschland ausliefern. So sah Benjamin keinen anderen Ausweg, als sich mit Tabletten das Leben zu nehmen, um den Nazis zu entgehen.
Neben seinem umfangreichen Philosophischen Arbeiten hatte Benjamin in Paris auch die Textsammlung "Die Deutschen Menschen" zusammengestellt. Darin veröffentlichte er Briefe von Immanuel Kant, Georg Büchner und anderen Persönlichkeiten aus der Zeit der Aufklärung. Diese Zusammenstellung wollte er als eine Art deutschen Gegenentwurf zum - damals in Deutschland herrschenden - Nationalsozialismus verstanden wissen.
Den philosophischen Ansatz Benjamins interpretierte Hetmann so: Benjamin habe versucht, die Philosophien des Marxismus und der Theologie der jüdischen Mystik miteinander zu kombinieren. Er sei davon ausgegangen, dass die "marxistische Weltrevolution" kommen und das "Heil des Messias" mit sich bringen werde.
Ferner habe sich der Philosoph gegen Krieg, Gewalt und die Armut der Menschen gewandt. Vor den Folgen der rasanten technologischen Entwicklung warnte er mit dem Satz "Katastrophe ist Fortschritt, und Fortschritt ist Katastrophe".
Nach nur eineinviertel Stunden beendete Hetmann überraschend abrupt die Veranstaltung, genau als der Glockenschlag um 22 Uhr ertönte. Eine mögliche Diskussion wurde damit schon im Keim erstickt.
 
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