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Text von Mittwoch, 21. July 2004

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 Widerstandsnest: Mindestens 50 Attentatsversuche 
 Marburg * (vic)
Mindestens 50 Attentatsversuche seien im Rahmen des Widerstands gegen das NS-Regime auf Adolf Hitler geplant worden, bemerkte Dr. Karl-Heinrich Rexroth auf einer Veranstaltung zum 60. Jahrestag des versuchten Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944. Die Gedenkstunde fand am Dienstag (20. Juli) im historischen Saal des Rathauses statt.
Nachdem Oberbürgermeister Dietrich Möller und Bürgermeister Egon Vaupel den Mut der Attentäter zum Widerstand gewürdigt hatten, wurden den Zuhörern im vollbesetzten Saal zwei Vorträge präsentiert. Dabei stellte Rexroth ein neues Dokument des militärischen Widerstands vom Frühjahr 1938 vor, das bisher - wie er meinte - noch nicht bekannt gewesen sei.
Es handele sich um eine von Deutschen Offizieren herausgegebene Denkschrift.
Darin sei angegeben, dass sie von einer Schweizer Militärzeitschrift publiziert worden sei. Darauf gebe es aber keinerlei Hinweise, meinte der Referent. Er habe die Denkschrift in einem Antiquariat erstanden. Die Existenz weiterer Exemplare sei ihm nicht bekannt.
Daher vermutet er eine Täuschung der Verfasser, um die Herkunft ihres militärischen Widerstands zu tarnen und sich hinter der Schweiz zu "verstecken". Die Fälschung sei so gut gelungen , dass sie als "echte Fälschung" bezeichnet werden könne.
In der Denkschrift werde ganz offen zum bewaffneten Widerstand gegen die Nazionalsozialisten aufgerufen. Das Entstehen der Denkschrift sei in zwei wichtige Ereignisse "eingerahmt":
So beginne sie mit dem erzwungenen Rücktritt des General Oberst Fritsche vom 4. Februar 1938. Ferner ende sie mit dem erzwungenen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich am 11. März 1938.
Rexroth unterstrich aber, dass sich die Denkschrift nicht nur auf die Beschreibung der damaligen Lage beschränke. Vielmehr wage sie auch einen Blick in die düstere und kriegerische Zukunft Deutschlands.
Der Referent wies auch darauf hin, dass Umsturzpläne gegen das Regime sehr schwer umzusetzen gewesen seien.
Dies könne man auch mit der stark angestiegenen Anzahl der im Militär präsenten Generäle erklären. Waren es 1933 nur 40, so seien es 1938 270 Generäle gewesen. Das Bestehen einer (ührungsspitze habe die Gefahr des Scheiterns eines Putsches erheblich vergrößert.
Mit dem Leiter der Heeresgruppe Mitte Henning von Treskow war der Abend bei der treibenden Kraft des Widerstands von 1944 und dem zweiten Vortrag von Dr. Gerhard Menk angelangt. Er würdigte dabei den Widerstand von Axel von dem Busche-Streithorst und Adolf Busemann, dessen Marburger Bezug er besonders hervorhob.
Treskow, Busche und die anderen Widerständler von 1944 gehörten der jungen Offiziersgeneration an, die im Unterschied zu den "alten Haudegen" von 1938 den Ersten Weltkrieg und das Kaiserreich nicht mehr aktiv erlebt habe. Beide Generationen seien unterschiedlich geprägt gewesen, wie Menk erklärte.
Nach Treskows Motto "das Attentat muss erfolgen" sei Busche zum äußersten bereit gewesen. An der Ostfront habe er versuchen wollen, sich mit Hitler zusammen bei einer geplanten Vorführung von Uniformen mit einer Handgranate in die Luft zu sprengen. Doch fiel die Vorführung aus und das Attentat somit "ins Wasser".
Nach dem Zweiten Weltkrieg sei Busche politisch sehr aktiv gewesen, betonte der Referent. So habe er am Aufbau des auswärtigen Amts mitgewirkt und sich in einigen Funktionen an der Arbeit der vereinten Nationen beteiligt.
Der Pädagoge und Psychologe Dr. Adolf Busemann habe zu Kriegszeiten in Marburg gelehrt. Es sei ihm gelungen, in seinem Fachbereich ein "Widerstandsnest" zu errichten. Von der Universitätsleitung sei dies stillschweigend geduldet worden. So habe sich Busemann in Marburg aktiv am zivilen Widerstand gegen die Nazionalsozialisten beteiligt.
 
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