Text von Freitag, 1. Dezember 2006
Großer Besuch: Kouml;hler beehrte BliStA und DVBS | ||
Marburg * (fjh)
Ich weiß, wie das ist", erklärte Prof. wr. Horst Köhler zur Situation blinder Menschen. "Es kostet Zeit, es kostet Kraft und es kostet Nerven!" knapp drei Stunden lang besuchte der Bundespräsident gemeinsam mit seiner Ehefrau Eva am Freitag (1. Dezember) Die Deutsche BlindenstudienanstaltiStA) und den Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und BerufBS). Anlass der Besichtigung war der 90. Geburtstat beider Blinden-Einrichtungen. Für das deutsche Staatsoberhaupt war dieser Besuch jedoch beinahe eine Art Familientreffen. Seine Tochter Ulrike hat an der Carl-Strehl-Schule (CSS) in Marburg ihr Abitur gemacht. Inzwischen ist die blinde Studentin Mitglied des DVBS. Voller Bewunderung erinnerte sich ihr Vater an seinen ersten Besuch in einer Blinden-Wohngruppe: "Sie haben mir Kaffee und Kuchen angeboten", berichtete er. "Alles war wie selbstverständlich dort." Großen Respekt verdiene die Leistung vieler Menschen mit Behinderungen wie Blindheit, betonte Köhler. Den Blinden und Sehbehinderten versprach er, sich für ihre Belange einzusetzen. Er ermutigte die Schülerinnen und Schüler der CSS, ihre eigenen Wünsche selbst ernst zu nehmen und zu versuchen, sie sich auch zu erfüllen. Seine Tochter habe ihm am Vorabend des Besuchs noch aufgetragen, ihre ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler zu grüßen und der Schulleitung zu sagen, dass sie eine gute Arbeit leiste, berichtete der Bundespräsident. Seinen Besuch in Marburg habe er unbedingt noch vornehmen wollen, bevor BliStA-Vorstandsvorsitzender Jürgen Hertlein in Rente geht. Mit seiner Gegenwart bekunde er sein großes persönliches Interesse an der Arbeit der BliStA. An den Oberbürgermeister Egon Vaupel gewandt, riet er der Stadt Marburg, sie solle die BliStA hegen und pflegen. Die Schüler und Studenten bat er, ihm in dem anschließenden Gespräch in kleinerem Kreis "ehrlich zu sagen, wo der Schuh drückt". Das sei ihm sehr wichtig, denn "Deswegen bin ich doch hier!" Die Studentin Christiane Müller berichtete nach dem Gespräch, sie habe den Bundespräsidenten auf die Probleme aufmerksam gemacht, die mit Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen auf blinde Studierende zukommen: Die Kostenträger könnten blinden Master-Studenten dann möglicherweise das Vorlesegeld mit der Begründung verweigern, sie hätten mit dem Bachelor doch bereits eine abgeschlossene Ausbildung! Den Bundespräsidenten muss dieses Gespräch mit den blinden Schülern und Studenten wirklich sehr interessiert haben. Denn er überzog den eng gestrickten Zeitplan bei dem Gespräch um ganze 35 Minuten. Entsprechend später begann der Empfang für Schüler, Lehrer, Sponsoren und Freunde der BliStA im Speisesaal der Marburger Einrichtung. Draußen in der Kälte warteten derweil die frustrierten Journalisten im Dunkeln darauf, dass sie vielleicht doch ein Bild von köhler mit dem jungen Kevin aufnehmen könnten, der am Vorabend in Stuttgart einen Bambi erhalten hatte. Gegen 17.15 Uhr dann ließ ein Beamter des Bundeskriminalamtes die Journalistinnen und Journalisten in den Saal hinein. Unter einem wahren Blitzlich-Gewitter entstanden die ersehnten Fotos und Fernseh-Aufnahmen. Mikrofone reckten sich in Richtung des Bundespräsidenten. Wann er denn das nächste Mal nach Marburg kommen werde, wollte ich wissen. "So bald wie möglich", antwortete er und klopfte mir auf die Schulter. Am Fuße der Treppe zum BliStA-Speisesaal wartete nicht nur die Fahrzeug-Kolonne auf den Bundespräsidenten und den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, der Köhler bei dem Besuch begleitete. Dort unten standen auch acht Studentinnen und Studenten als Emissäre einer Demonstration gegen Studiengebühren. Sie befragten das Staatsoberhaupt zu seiner Position in diesem Streit. Er halte Studiengebühren dann für annehmbar, erklärte Köhler, wenn gleichzeitig auch Regeln festgelegt seien, wie Kinder aus weniger begüterten Verhältnissen mit Stipendien unterstützt werden. Keinesfalls dürfe es dazu kommen, dass Studiengebühren Kinder aus weniger wohlhabenden Familien vom Studieren ausschlössen. Er selbst habe sein Studium aber durch Arbeit finanzieren müssen, berichtete Köhler. Nichtsdestoweniger versprach er den anwesenden Studentinnen und Studenten, er werde wieder mit ihnen diskutieren, wenn sich die Studiengebühren als Hindernist für eine allgemeine Bildung erweisen. Eine Studentin forderte Koch auf, sich an den Artikel 59 der Hessischen Landesverfassung zu halten, der Studiengebühren untersagt. Daraufhin entgegnete der Ministerpräsident, es werde dazu ja eine Verfassungsklage geben. Deren Ausgang solle man doch einfach abwarten. Die Studenten-Vertreter kündigten weitere Proteste an. Mit guten Wünschen für seine Heimreise wurde Köhler anschließend verabschiedet. Die Auffahrt zur BliStA wie auch die darunterliegende Wilhelm-Roser-Straße bis zur Ketzerbach standen voll mit Polizei-Autos. An der Einmündung zur Ketzerbach warteten gut 80 Demonstrantinnen und Demonstranten auf ihre acht Emissäre. Allmählich setzte sich der Zug der BliStA-Besucher heimwärts in Bewegung. Die blinden und sehbehinderten Menschen hoffen nun, dass Köhler ihre Anliegen auch in Zukunft tatkräftig unterstützen wird. | ||
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